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Arkadi Junold
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"Brokeback Mountain" Von der Novelle zum Film

Der dem Genre des Western zuzurechnende Film „Brokeback Mountain“ hat zumindest in Deutschland großen Erfolg gehabt und zählt nach Ansicht nicht nur des Autors durchaus zum Bereich der Kunst. In der vorliegenden Arbeit ist zu fragen, welche Parameter den Erfolg begründet haben. Um die Frage zu beantworten, bietet sich nicht nur ein Vergleich mit der Ausgangsnovelle von Proulx an, sondern auch mit Mann´s Novelle „Tod in Venedig“ und deren Verfilmung durch Visconti bzw. der Vertonung durch Britten, denn im Falle von „Brokeback Mountain“ geht aus einer wenig lesenswerten Novelle ein hochwertiger Film hervor, im Falle des „Tod in Venedig“ ist es umgekehrt. Was sind die Parameter, die eine gute Novelle ausmachen, und welche einen guten Film? Unter welchen Umständen kann ein primär literarischer Stoff eine Vorlage für einen Film liefern? Ist es vielleicht die Kunstform der Oper, die aufgrund ihrer gattuns- wie rezeptionsbedingten Artifizialität einer Novelle wie „Tod in Venedig“ gerechter wird, als ein Film, während Proulx´ Novelle für den Film besser geeignet ist? Der Vergleich mag erhellend wirken, gerade weil es im Film insbesondere nonverbale Aspekte sind, die einen irgendwie gearteten künstlerischen Sinn transportieren, und die verbal schwer zu beschreiben sind. Es handelt sich dabei um zwei diametral unterschiedliche Ausdrucksweisen. Grundlage eines Westerns im Allgemeinen ist die Auseinandersetzung zwischen der dunkelhäutigen nordamerikanischen Urbevölkerung und den weißen nordeuropäischen Einwanderern. Dieser Grundkonflikt setzt sich in geänderter Version in den beiden Hauptdarstellern fort, denn Jack ist nicht nur dunkelhäutig und dunkelhaarig, er trägt auch dunkle Kleidung. Ennis dagegen entspricht schon rein optisch dem Bild des Nordeuropäers, denn er ist nicht nur blond und weiß, er trägt auch wesentlich hellere Kleidung, als Jack. Man kann diese Freundschaft also auch als Freundschaft zwischen der Ur- und Einwanderungsbevölkerung auffassen, wie sie im Western häufig vorkommt. Daß der Topos insofern gebrochen wird, als daß es gerade Jack ist, der die treibende Kraft und auch der stärkere Charakter ist, gehört zu den Brüchen, die den Film interessant machen. Das zur Rede stehende Motiv wird aber auch an anderer Stelle gebrochen. Als Jack nach Mexiko fährt, um die Neigungen, die er mit seinem Geliebten nicht befriedigend ausleben kann, nachgehen zu können, ist es wieder die, hier aber hispanisch begründete, dunkelhäutige Bevölkerungsschicht, bei der er dieses Bedürfnis befriedigen kann – sie ist auch hier wieder einmal zum Paria degradiert, ein weiterer Bruch. Das Genre des Westerns wird aber auch weiterentwickelt. In dem Jahr, in dem die Handlung beginnt, ist Homosexualität im allgemeinen und im Western im speziellen noch strikt tabuisiert und wird daraufhin höchstens unterschwellig thematisiert. Durch die Darstellung eines homosexuellen Konflikts kommt somit eine neue Facette in das Genre, die zwar zur Entstehungszeit des Films wie der Novelle bereits gedacht werden durfte, aber aufgrund der bestehenden Tabus im Tod enden mußte. Nelle dagegen rekuriert auf die unberührte Natur, wenn er einen Film in das Genre des Western einsortiert, die es einem nicht nur erlaubt, seine europäischen Wurzeln hinter sich zu lassen und zu neuen Ufern aufzubrechen, sondern auch, in fremde Welten einzudringen. Abgesehen davon suchen Menschen, die in den wilden Westen aufbrechen, Selbstbestätigung und Freiheit und versuchen, eine eigene Identität auszubilden, was ja gerade zu Beginn der us-amerikanischen Geschichte nicht ganz unwichtig war. Auf das Drehbuch und die darin enthaltene Darstellung der filmtechnischen Mittel wird in einem gesonderten Abschnitt eingegangen. Dieses Vorgehen hindert allerdings nicht, Fragen nach der Dramaturgie der Filme, nach der Stellung der Musik, der Personencharakterisierungen und ihren Kontext im gesamten Film und ähnliche Fragen zu stellen, schließlich ist die Analyse der einzelnen Szenen auch ohne genaue Analyse des Protokolls aufschlussreich genug. Hier wird die jeweils zur Rede stehende Szene kurz benannt, ohne daß der Autor dieser Arbeit sie auf die Sekunde genau in ihrer Stellung im filmischen Verlauf benennt. Gleichermaßen muß ein Vergleich mit der Ausgangsnovelle wie auch mit anderen Bearbeitungen des Stoffs vorgenommen werden, um die dramaturgische Intention der genannten Werke im allgemeinen und insbesondere „Brokeback Mountain“ hervorzuheben. Dazu ist selbstredend das Verhältnis von Bild, Sprache, Musik und sonstigen Symbolen (Requisiten und ähnliches) zu betrachten. Gerade dieser intermediale Aspekt, also die genreabhängige Veränderung der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, steht neben der inhaltlichen Bewertung von „Brokeback Mountain“ im Vordergrund der Betrachtung, wobei nicht vergessen werden darf, daß Literaturadaptionen durch das Medium Film eine eigene Kunstform darstellen, die sich nicht auf die reine Nacherzählung beschränken dürfen. Da aber dramaturgische wie musikalische Parameter von „Brokeback Mountain“ einen Vergleich mit den Opern Richard Wagners nahe legen, ist auch diesem Aspekt auch eine gewisse Aufmerksamkeit zu widmen. Auch Brittens „Death in Venice“ ist wie bereits geschrieben bei einem Vergleich hinzuzuziehen, wenn es darum geht, Gattunsüberschneidungen wie Trennendes bei dem von Proulx grundsätzlich begrüßtem Genrewechsel herauszuarbeiten beziehungsweise die künstlerische Qualität von Lees Films gerade im Vergleich zur Novelle näher zu beleuchten. Der Vergleich der beiden Stoffe ist alleine schon deshalb zu ziehen, weil Manns Novelle in zwei unterschiedlichen Gattungen übersetzt wurde, ein Erfolg, den Proulx Novelle „noch“ nicht beschieden ist – man kann folglich im Falle des deutschen Literaten besser gattungsübergreifend arbeiten. Der interdisziplinäre Ansatz unter Einbeziehung der Oper wird auch dadurch gestützt, daß viele Opernkomponisten im 20. Jahrhundert auch Filmmusiken schrieben, zu nennen sind Hindemith, Prokofiev und andere, und umgekehrt ihre Erfahrungen in diesem Genre für die Oper nutzbar machten, andererseits ihre Tätigkeit deutliche Spuren in der Filmmusik aber auch der Filmdramaturgie hinterlassen von den bereits genannten Parallelen bei der Durchführung des musikalischen Materials einmal abgesehen. Ein Grund für die Einschätzung, das zur Rede stehende Werk würde zur Kunst zählen, und das ist auch der Grund, wieso gerade „Tod in Venedig“ als Vergleich herangezogen wird, ist die Transzendierung der eigentlichen Handlung. Natürlich, und das ist eine weitere Parallele zu Mann, handelt es sich auch bei „Brokeback Mountain“ um eine in der Basis homosexuelle Erzählung, beide aber, Lee´s Film wie Manns Novelle, schaffen es, Aussagen weit über die konkrete Handlung hinaus zu treffen, bei Mann nicht nur die Flucht in die antikgriechische Ideengeschichte, sondern auch seine Ausführungen zur Kunst und zur Freudschen Traumdeutung bei dem Film eine geradezu existentielle und archetypische Darstellung von Beziehungen in ihrer sozialen, psychologischen und gesellschaftlichen Komponente unabhängig von einer irgendwie gearteten sexuellen Orientierung. Durch die Interdependenz unterschiedlicher Aussageebenen erhalten beide Werke eine Grundsätzlichkeit der Aussage, die weit über die konkrete Handlung herausgehen, ein Grund, wieso sie weite Bevölkerungsteile unabhängig der konkreten sexuellen Präferenz ansprechen. Bedauerlich ist nur, daß alle Analysen in Stacys „Reading Brokeback Mountain“ ausschließlich auf die amerikanische Seite des Films eingehen, ohne bei aller Lesbarkeit der einzelnen Analysen en detail zu bemerken, daß der Film gerade durch die Verbindung europäischer und amerikanischer geistesgeschichtlicher Traditionen steht. Diese Einschränkung ist umso bedauerlicher, als daß viele Analysen damit der Komplexität des Films noch nicht einmal im Ansatz gerecht werden, wie zum Beispiel die Ausführungen zur Filmmusik zeigen. Boshaft formuliert könnte man behaupten, hier läge ein Fall von Amerikazentrismus vor, der auf die geistesgeschichtlichen Wurzeln dieses zutiefst europäischen Films noch nicht einmal im Ansatz eingeht und daher den Film fehlinterpretiert.

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Junold, Arkadi, Brokeback Mountain, eine Analyse, Berlin: 2007, ISBN: 9783940863010

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