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Arkadi Junold
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Methoden der Sprachvertonung in Reimanns Oper „Lear”

Reimanns Oper „Lear“ ist wesentlich Musik über Shakespeare, während Verdis Oper „Otello“ Musik mit Shakespeare ist. Reimann ist einer der anerkanntesten deutschen Opernkomponisten des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Sein bisher veröffentlichtes Euvre, das im Wesentlichen Gattungen der Vokalmusik umfaßt, zeichnet sich durch eine hohe musikalische Flexibilität aus, so daß sich seine Opern in ihrer individuellen Struktur und ihrem Werkstil grundsätzlich voneinander unterscheiden. Gemein ist ihnen, daß sie immer den Text und seine Aussage in den Vordergrund stellen und versuchen, diesem durch die Wahl individueller musikalischer Mittel gerecht zu werden. Gleichzeitig versucht Reimann in allen seinen Opern, Menschen in den Grenzbereichen ihres Seins zu zeigen, in der Spannung zwischen den eigenen Ansprüchen und der Gesellschaft, zwischen dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und den gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit. Das macht ihn Verdi verwandt und läßt seinen Stil bei allen Differenzen im Werkstil stark persönlich gefärbt erscheinen. Ein auffallender Aspekt, und diesem Punkt ist in dieser Arbeit unter anderem nachzugehen, ist Reimanns ständiges Wechseln zwischen den verschiedenen Formen der Sprache, dem traditionellen Sprechgesang und dem echten klassischen Gesang. Dieses Phänomen läßt sich unter anderem beispielhaft an der Titelpartie des „Lear“ exemplifizieren, da man hier die genannten Formen des menschlichen Ausdrucks am beispielhaftesten verdeutlichen kann. Bei diesem Punkt ist im Wesentlichen die Zwitterstellung der Titelpartie zu bedenken, die zwar für Sänger geschrieben ist, dieser aber ständig zwischen den genannten Formen des menschlichen Ausdrucks schwankt. Das Phänomen des fließenden Übergangs zwischen den verschiedenen Ebenen ist umso verwunderlicher, als daß die Rolle des Narren bewußt für einen Sprecher notiert ist, der Komponist sich folglich mit dem Umgang mit Schauspielern im Musiktheater vertraut gemacht hat. Zusätzlich hat Reimann bei der Vertonung zumindest eines Teils der anderen Rollen dieser Oper eine geradezu exaltierte Form des Gesangs bevorzugt und sich damit in den Grenzen des Genres bewegt. Die Mittel, die der Komponist zur Darstellung der beschriebenen Sprachebenen benutzt, sind aufzuzeigen. Der Umgang mit Sprache ist, und das ist ein wesentlicher Grund für die Wahl dieses Aspektes in dieser Arbeit, im Bereich Oper zentral, will man den konzeptionellen Ansatz des Komponisten nachverfolgen, denn die Möglichkeiten, mit Sprache in der Oper umzugehen, sind vielfältig. Man kann gegen den Sinn des Text komponieren, indem die musikalischen Strukturen den textlichen wiedersprechen und ihn und seine Aussage auf diese Weise brechen. Man kann ihn einfach nur mit musikalischen Mitteln nachzeichnen oder auch illustrieren, je nachdem, wie man vorzugehen wünscht und welche Aspekte man bei der Vertonung musikalisch akzentuiert. Man kann eine Rolle für einen Sprecher schreiben, jemanden komplett durchsingen lassen, oder wie beim „Lear“ beide Ausdrucksformen miteinander vereinen. Die Möglichkeiten der Textinterpretation sind folglich vielfältig. Gerade im Bereich der gesprochenen Sprache, und das macht diesen Bereich bei der Beurteilung eines Werkes so wichtig, ist zu bedenken, daß gesprochene Sprache in einer Kunstform, die sich des Gesangs als Ausdrucksmittels bedient, untypisch ist und unter anderem als Ausdruck der Sprachlosigkeit verwendet wird. Die Frage, wieso es sich hier um eine Oper handelt, soll nur am Rande dieser Arbeit behandelt werden, denn die Zugehörigkeit dieses Werkes zur Gattung Oper ist zu offensichtlich. Natürlich stellt sich bei den Veränderungen, die diese musikalische Gattung in den 400 Jahren ihres Bestehens durchlaufen hat, bei neuen Werken immer die Frage, inwieweit sie noch dem zuzurechnen sind, was man als Oper bezeichnet. Allgemeine Erklärungsversuche wie diese, daß Oper vertonter Text ist, greifen zu kurz. Der angeführte Parameter gilt gleichermaßen für einen Popsong wie für ein Requiem. Nichtsdestotrotz ist die Summe der Charakteristika, die eine Oper ausmachen, selten so ausgeprägt, wie bei diesem konkreten Werk. Hirsbrunner formuliert im Zusammenhang mit dem Reimannschen „Lear“, daß diese Oper ein Sonderfall im modernen Repertoirebetrieb sei, da Reimann als einer der wenigen Komponisten seiner Zeit die Konvention der Oper nicht antasten würde, wie immer diese Konvention en detail aussieht. Reimann ist wie schon geschrieben bei allem Verbindenden in seinem Werk einer der vielseitigsten Komponisten der modernen Oper. Verbindend ist zweierlei. Zum einen sind alle seine Opern, bei aller Unterschiedlichkeit des musikalischen Materials sehr sängerzentriert, daß heißt, der Sänger mit seinem musikalischen Material, seiner Mittel und seiner Aussage stehen musikalisch im Vordergrund. Das Orchester tritt gegenüber der Singstimme mit Ausnahme der Orchesterzwischenspiele zurück und begleitet sie nur. Daß heißt nicht, daß es an Originalität verliert und ein gewisses Eigenleben entwickelt, es ist nur nicht so präsent. Die Opern sind zudem sehr expressiv und in der musikalischen Disposition ausgesprochen exzentrisch gestaltet, was sich nicht nur in der Melodik der Stimme sondern auch in der Orchesterbesetzung äußert. Hier spiegeln sich Reimanns Erfahrungen als Liedbegleiter nicht nur eigener Werke genauso wieder wie seine Zusammenarbeit mit vielen namhaften Sängern, die ihn Einblick in die unterschiedlichsten Gesangstechniken wie auch die Möglichkeiten und Grenzen des klassischen Gesangs nehmen ließen. Einer dieser Sänger, die von Reimann häufiger begleitet wurden, ist Dietrich Fischer-Dieskau, der die Anregung zur Vertonung dieses Stoffes gab und der die Titelpartie in der UA des ihm gewidmeten Werkes darstellte. Zum anderen sind es immer die großen Stoffe der Weltliteratur, die die Menschen in ihren Extremen und ihren psychischen Randbereichen zeigen, die Reimann bei der Auswahl eines Textes und seiner Vertonung reizten, um ein weiteres verbindendes Element zu zeigen. Sich mit Reimanns Opern im allgemeinen und mit „Lear“ im speziellen zu beschäftigen ist immer reizvoll.

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Junold, Arkadi, Von der Oper zum Film, Berlin: 2008, ISBN: 9783940863041